Interview mit Seiner Allheiligkeit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. (Bartholomäus I.)
- Autor
- Dimitrios Pergialis
- Zugriffe: 969
Interview mit seiner Heiligkeit, dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartholomaios I., oberhaupt von ca. 300 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt.
(Η Αυτού Θειοτάτη Παναγιότης ο Αρχιεπίσκοπος Κωνσταντινουπόλεως, Νέας Ρώμης και Οικουμενικός Πατριάρχης Βαρθολομαίος ο Α')
D. Pergialis: Ihre Heiligkeit, die Griechen sehen mit Überraschung, dass sich die Orthodoxe Kirche mit der Umweltkrise beschäftigt. Viele Leute sind jedoch der Meinung dass sich die Kirche nur mit geistigen Dingen befassen sollte. Was antworten Sie darauf?
Patriarch Bartholomaios: Ich bin erstaunt, dass es Brüder und Schwestern gibt, die darüber überrascht sind. Der Schutz und die Erhaltung der Umwelt ist ein primär theologisches und kirchliches Thema. Schon im 2. Kapitel des ersten Buches der Bibel, der Genesis, steht „Und Gott der Herr, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren“ (Genesis, 2:15). Das heisst, dass der Schutz und die Bewahrung der Umwelt eine der ersten Gebote Gottes an den Menschen ist! Darüber hinaus hat die Kirche schon immer in ihren Gebete viele umweltbezogene Fürbitten und die Ευχολόγια sind voll diesbezüglicher Wünsche. Ich erinnere an folgende Fürbitte des Gottesdienstes in der Basilius-Liturgie: „Verleihe uns eine wohlbeschaffene und zuträgliche Luft, schenke der Erde Regen zur Fruchtbarkeit und segne den Kranz des Jahres Deiner Güte.“
Die Kirchenväter haben uns in der Praxis gelehrt, die Umwelt zu respektieren. Sie haben Bäume gepflanzt, waren freundlich zu den Tieren – sogar den wilden -, und durch ihre Abstinenz, ihr Fasten usw haben sie vom exzessiven Verbrauch von Gütern zugunsten der anderen Menschen sowie der kommenden Generationen abgesehen. Die Konsumwut der modernen Menschen, die in wenigen Jahren z.B. die Kohlen- und Erdölvorräte aufbrauchen, deren Entstehung Jahrmillionen dauerte, würden den Kirchenvätern schaudern lassen. Moderne Kirchenvätern haben sich in ihrer Weisheit als sehr einfallsreich, was den Naturschutz betrifft, bewiesen. Der Abt von Patmos Amfilochios Makris beispielsweise hat den Beichtenden oft geboten, einige Pinien zu pflanzen. Daher werden diese im Dodekanes oft auch Amfilochien genannt, nach dem Namen jenes erleuchteten Menschen Gottes.
Die ewig wachsame Kirche von Konstantinopel hat, basierend auf diesem Wissen, vor mehr als zwei Jahrzehnten während der Patriarchie meines Vorgängers Demetrius, den 1. September zum Umweltschutztag erkoren und dem seligen Hymnenschreiber Pater Gerasimos Mikragiannitis den Auftrag erteilt, eine entsprechende und seitdem in Gebrauch befindliche Akolouthie zu verfassen. Es möge also jeder Christ die Verantwortung übernehmen, die ihm zusteht, denn alle Menschen haben die Verantwortung die Welt, die uns Gott anvertraut hat, zu beschützen; die Welt als das Schmuckstück (gr. κόσμος [kosmos]: Welt, Schmuck, Anm. d. Übers.), das sie ist, an unsere Kinder weiterzugeben. Das Gegenteil ist eine Sünde!
D. Pergialis: Die ökologischen Initiativen des Ökumenischen Patriarchats sind international bekannt. Viele dieser Initiativen wurden in Zusammenarbeit mit dem WWF unternommen. Haben solche Kooperationen Zukunft und wie kann die Kirche am Schutz und der Rettung der Umwelt teilhaben?
Patriarch Bartholomaios: Ich denke, es ist normal, mit all jenen zusammenzuarbeiten, die umweltbewusst und entsprechend aktiv sind. Natürlich identifizieren wir uns nicht komplett mit irgendeiner Organisation, da es häufig zu Meinungsverschiedenheiten kommt, was die Kriterien betrifft. Viele sehen das ökologische Problem nur horizontal und wollen es als solches angehen. Wir hingegen sehen es auch vertikal, d.h. als einen Fall, der direkt mit Gott und Seinem Willen zu tun hat. Dies ist der wichtige Unterschied zwischen dem ökologischen Interesse der Kirche und dem der Umweltorganisationen.
Wir schreiten voran und kämpfen mit der Hilfe Gottes. Wie dem auch sei ehren wir alle Umweltschutzorganisationen. Wir sind bereit in allen Bereichen, wo wir uns einig sind, zusammenzuarbeiten. Das gilt auch für WWF, deren Werk wir sehr schätzen. Generell sowie auch hinsichtlich des Themas Umwelt leiten uns die Worte Christi: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns“ (Markus 9,40) und in diesem Rahmen agieren wir.
D. Pergialis: Ihre Eminenz, Sie belegen seit dem 22. Oktober 1991 das Amt des Ökumenischen Patriachen von Konstantinopel. Sie und das Patriarchat führen eine Geschichte von etwa 1600 Jahren in einem ganz und gar nicht freundlichen Umfeld fort. Wie denken Sie darüber?
Patriarch Bartholomaios: Der historische Weg der Kirche allgemein hängt immer absolut von der Gnade und dem Gefallen Gottes ab. So auch der Weg der Grossen Kirche in Jesu, des Ökumenischen Patriarchats. Für Christen gibt es auf jeden Fall kein blumenbestreutes ungekreuzigtes Leben. Die Gläubigen leben immer „unter Ehre und Schande, unter Schmähung und Lobrede; als Verführer und [doch] Wahrhaftige, als Unbekannte und [doch] genau Bekannte, als Sterbende und [doch] - siehe, wir leben! - als Gezüchtigte und nicht Getötete, als Betrübte, die sich aber allezeit freuen, als Arme, die viele reich machen, als solche, die nichts haben und [doch] alles besitzen“, wie Apostel Paulus sagt (2 Kor 6, 8-10). Dieser apostolische Spruch beschreibt den gesamten historischen Weg des Ökumenischen Patriarchats sowie den Weg der hier Tätigen, also auch den des Patriarchen. „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden“ (Phil 1, 29).
Ich preise Gott für seine Gnade und das Kreuz der Patriarchie und hoffe, dass er die Personen und die Institution weiterhin stärkt, schützt und bewahrt, sowie unsere Mühen, Anstrengungen, Gebete und Tränen segnet. Er ist ein lebender Gott und er hat uns Leben versprochen. Wir vertrauen ihm vollkommen!
D. Pergialis: Eins ihrer grossen Ziele ist die Wiederinbetriebnahme der Theologischen Schule von Halki, einem der Symbole der Orthodoxie. Möchten Sie uns sagen, wie weit Sie noch davon entfernt sind und welche Probleme sich Ihnen präsentieren?
Patriarch Bartholomaios: Die Wiederinbetriebnahme der Theologischen Schule von Halki ist seit meinem Amtsantritt ständige Forderung. Natürlich hat das Ökumenische Patriarchat auch andere Theologische Schulen, wie die in Boston befindliche Schule des Unbescholtenen Kreuzes, die Schule des Heiligen Andreas in Sydney, die Orthodoxe Theologische Akademie in Toronto sowie natürlich auch das in Chambésy in Genf befindliche Institut für Postgraduierte Studien Orthodoxer Theologie. Nichtsdestotrotz ist Halki unersetzlich, denke ich. Die Schule war nicht nur eine Bildungsstätte, sondern hat unter der direkten Aufsicht der Kirche zahllose Charakter von Männern mit echtem kirchlicher Einstellung und Eifer geschmiedet. So hat Sie das Patriarchat vom Heiligen Zentrum bis in seine Eparchien rund um die Welt mit Personal versorgt. Die Studenten der Schule von Halki hatten die einmalige Gelegenheit, Umgang mit erfahrenen und weisen Kirchenvätern zu pflegen und das Destillat ihrer Weisheit und Klugheit zu lesen. Sie lernten von jenen nicht nur das Formelle der einzigartigen Betriebsordnung von Konstantinopel, sondern auch die heilige Kunst der kirchlichen Administration. Durch die pausenlosen Gebete, die täglichen Akolouthien und die Teilnahme an den Liturgien haben die Studenten im wahrsten Sinne des Wortes nach Weihrauch geduftet und wurden vor vielen Gefahren ihres Alters und der Welt geschützt. Natürlich haben sich die Zeiten geändert und wir verschliessen vor der neuen Realität nicht die Augen. Nichtsdestotrotz behalten wir unseren Traum. Die Kirche braucht Halki.
D. Pergialis: Die Toleranz der Türkei gegenüber religiösen Minderheiten ist in den letzten Jahren fast vollkommen verschwunden. Auf Juden, Katholiken, Armenier und Protestanten wird viel Druck ausgeübt, oft auch Gewalt. Haben die Orthodoxen die gleichen Probleme?
Patriarch Bartholomaios: Es gibt überall Probleme. Auch hier. Wir sind eine zahlenmässig kleine Minderheit. Viele unserer Rechte wurden geprüft und angezweifelt. Dies ist auch weiterhin so, z.B. das soeben besprochene Recht auf die Wiederinbetriebnahme der Theologischen Schule in Halki; unser Recht auf die Bezeichnung „Ökumenisches Patriarchat“, unter der wir weltweit anerkannt werden; sowie die Rechte bezüglich des Eigentumsstatus unserer Institutionen, wegen denen wir mit grosser Trauer vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegangen sind und wo, wie Sie wissen, unserem Antrag stattgegeben wurde. Die Türkei ist natürlich ein Beitrittskandidat der Europäischen Union. Das Patriarchat unterstützt die europäische Perspektive der Türkei und hat dies bewiesen. Wir glauben, dass ihr Platz in der europäischen Familie ist. Viele Dinge werden mit dem Beitritt besser werden. Es ist noch ein langer Weg bis die Türkei die für den Beitritt nötigen Vorraussetzungen erfüllt, aber man darf nicht übersehen, dass bislang schon einige bedeutende Schritte gemacht worden sind. Dies gibt uns berechtigte Hoffnung auch für die verbleibenden Schritte. In einer europäischen Türkei werden sich alle Minderheiten wohl fühlen. Das ist sicher.
D. Pergialis: Wie überlebt das Patriarchat? Besteht die Gefahr, dass es eines Tages unter dem Druck und den täglichen Schwierigkeiten was seinen Betrieb betrifft, zusammenbricht?
Patriarch Bartholomaios: Gott gibt dem Patriarchat Leben. Es hat jedoch auch die Zärtlichkeit und den Beistand einiger seiner Kinder nötig. Diese Unterstützung ist notwendig, aber das letzte Wort hat Gott. Wir glauben, dass Er uns nicht verlassen wird. Die Laterne wird weiterhin brennen und das Licht Jesu und der Orthodoxie bis ans Ende der Welt tragen. „Auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns (2 Kor 4:7)“.
D. Pergialis: Wie sind momentan die Beziehungen zwischen dem Patriarchat und der Kirche von Griechenland?
Patriarch Bartholomaios: Gott sei Dank einwandfrei! Auch wenn die Liebe nie abgekühlt ist, hat es in der Vergangenheit Probleme gegeben, die uns traurig gestimmt haben. Die Gnade Gottes hat uns jedoch nie verlassen und daher herrscht mit dem Zutun auch des Erzbischofs und Bruders Ieronymos gutes Wetter, gepriesen sei der Name beider Kirchen. Nicht umsonst „sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören (Röm 12:5).“
D. Pergialis: Wie ist ein Tag im Leben des Ökumenischen Patriarchen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang?
Patriarch Bartholomaios: Der Patriarch beginnt seinen Tag mit der Frühmesse, die er meist in der Kapelle des Heiligen Andreas verfolgt. Er „beginnt mit Gott“ und aus dem Gebet schöpft er Kraft um das Kreuz des Tages zu tragen. Nach einem einfachen Frühstück begibt er sich in sein Büro, wo er sich mit den laufenden Themen beschäftigt. Er empfängt seine direkten Mitarbeiter, informiert sich, gibt Anweisungen und bestellt das Notwendige. Hiernach beginnen Audienzen mit hervorragenden Persönlichkeiten der Kirche, der Religion, der Wissenschaft, der Kultur, der Diplomatie, der Politik usw. aber auch Privatpersonen, die ihn entweder aus zeremoniellen oder anderen Gründen aufsuchen, um den Segen der Mutter Kirche zu bekommen.
Mittags segnet der Patriarch den Patriarchalischen Tisch, an dem die anwesenden heiligen Kirchenväter sowie eventuelle Besucher platznehmen. Oft gehen die Audienzen und Besprechungen mit Mitarbeitern sodann ohne Mittagsruhe weiter. Später folgt das Abendgebet, wieder in der Kapelle des Patriarchats. Vergessen Sie nicht, dass der Patriarch auch Mönch ist. Das Patriarchat ist auch ein Kloster. „Das Grosse Kloster“ der Orthodoxie, wo die Heiligen Akoluthien täglich ohne Unterlass abgehalten werden.
Oft empfängt der Patriarch in der Kirche des Patriarchats zahllose Pilgergruppen aus der ganzen Welt, meistens aus Griechenland, an die er Worte der Liebe und des Aufbaus richtet und denen er seinen Segen gibt. Nach dem Abendgebet arbeitet der Patriarch meist für sich alleine. Er befasst sich mit der Korrespondenz; überprüft und unterschreibt ausgehende Dokumente; liest in Büchern, die er geschickt bekommt, stellt Pläne und Programme auf. Dem einfachen Abendessen folgt ein Gebet und diesem noch etwas Arbeit bis zur Bettruhe, die sich meist auf einige Stunden nach Mitternacht beschränkt. Dieses Programm ändert sich nur wenn die Heilige Synode, dessen Vorsitz der Patriarch hat, tagt.
Soweit das tägliche Geschehen. An Feiertagen finden die Liturgien usw in der Hauptkirche des Patriarchats und manchmal in den Kirchen des Erzbistums von Konstantinopel statt. Es gibt nur wenige Gelegenheiten, wo der Patriarch wie ein normaler Mensch spazierengehen oder sich zum Ausruhen nach Halki begeben kann, um derArbeitsfülle des Büros zu entgehen.
Wie Sie sehen, benötigen wir die Gebete aller derer, die die Kirche lieben, damit der Herr uns in unserer schweren und verantwortungsvollen Arbeit, die er uns anvertraut hat, unterstützt.
D. Pergialis: Ihre Heiligkeit, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und bitte um Ihren Segen.
Patriarch Bartholomaios: Auch ich danke Ihnen und segne Sie und Ihre geehrten Leser aus ganzem Herzen.
Bartholomaios I. (gesprochen „Vartholomäos“), mit bürgerlichem Namen Dimitrios Archondonis, ( 29. Februar 1940 auf Imbros) ist seit 1991 griechisch-orthodoxer Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel mit Sitz in Fener in Istanbul. Am 22. Oktober 1991 wählten ihn die 15 Metropoliten der Heiligen Synode zum Erzbischof von Konstantinopel und Ökumenischen Patriarchen. Er ist der 270. Nachfolger des Apostels Andreas und somit faktisches (Ehren-) Oberhaupt von ca. 300 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt.
Das Wirken des Patriarchen Bartholomäus I. wurde 2002 mit dem Sophie-Preis für Umwelt honoriert, weiterhin hat er etwa 25 Ehrendoktorwürden von Universitäten in Europa, Russland und den USA erhalten, so u. a. von der Yale University, der Lomonossow-Universität Moskau und der Universität Edinburgh.
1999 erhielt er das Großkreuz des Sterns von Rumänien, 2004 vom Bundespräsidenten Thomas Klestil das Große Goldenes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich und am 13. März 2007, dem dritten Todestag von Franz Kardinal König, wurde ihm im Wiener Stephansdom der „Kardinal-König-Preis“ der Stiftung „Communio et Progressio“ verliehen.







