Mikis Theodorakis (Biographie)
- Autor
- Gaston Oberson
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Die Biografie des jetzt 85jährigen Mikis Theodorakis widerspiegelt eindrücklich die Geschichte Griechenlands. Kindheit und Jugend, ein Lebensabschnitt, der auch ihn prägte, fiel in die schlimmste Zeit der neu-griechischen Geschichte: die einschneidenden Auswirkungen der Kleinasiatischen Katastrophe mit den vielen Flüchtlingen, der 2. Weltkrieg und der anschliessende Bürgerkrieg. Seine Erfahrungen in diesem politischen Klima machten ihn nicht nur zum lebenslangen, aufopfernden Kämpfer für die Menschenrechte und gegen das Unrecht, sondern sie beein-flussten auch entscheidend sein musikalisches Schaffen. In zahlreichen Liedern werden Unter-drückung, Folterungen und Staatsterror angeprangert.
Er wurde am 29. Juli 1925 auf der Insel Chios geboren. Seine Mutter war nach dem Scheitern der Megali Idea mit den 1,5 Millionen griechischen Flüchtlingen aus Smyrna gekom-men. Sein Vater stammte aus Kreta. Er war Beamter und liberal im Denken, was zur Folge hatte, dass er bei jedem der damals häufigen Regierungswechsel auf einen andern Posten versetzt wurde, auf schlechte bei konserva-tiven, auf gute bei liberalen Regierungen. So lernte der junge Mikis viele Teile von Griechenland kennen: Chios, Lesbos, Siros, Athen, Ioannina, Kefalonia, Patras, Pirgos, Tripolis. Weil in diesen Gegenden jeweils unterschiedliche Musik zu hören oder sogar vorherrschend war und zu Hause Mutter, Grossmutter und Verwandte oft und gerne Lieder aus ihrer Heimat Kleinasien sangen, nahm Mikis als Kind unwillkürlich die ausser-gewöhnliche Vielfalt der Musik Griechenlands in sich auf und war davon fasziniert. Er schrieb schon sehr früh erste Musikstücke, ging in die Musikschule, spielte Instrumente und leitete schon als Jugendlicher einen Chor.
1940 wurde Griechenland in den 2. Weltkrieg hinein gezogen. Die Familie wohnte damals auf dem Peloponnes (in Tripolis), der 1941 von den Italienern besetzt wurde. Theodorakis schloss sich früh dem aktiven Widerstand gegen die Besatzer an. Er war in Tripolis, später in Athen, in der EAM und deren Untergruppen tätig, jener Widerstandsorganisation, die weitaus am meisten Opfer im Kampf für ein freies Griechen-land zu beklagen hatte. Im Widerstand kam er mit vielen selbstlosen Männern und Frauen in Kontakt, meistens aus linken Kreisen (darunter auch seine Frau Myrto), die von den Besatzern gezielt verfolgt wurden. Auch Theodorakis wurde in dieser Zeit mehr als einmal verhaftet.
Nach dem Abzug der Deutschen aus Griechenland (1944) errangen schliesslich die monarchistischen, rechtskonservativen Kräfte mit Hilfe der Briten egoistisch die Macht und verfolgten mit brutaler Härte alle Linken, die sich ihnen in den Weg stellten. Auch Theodorakis wurde bei einer Demonstration in Athen schwer verletzt, die Sehkraft eines Auges ist seither weitgehend verloren. 1946 organi-sierte sich die Opposition im bewaffneten Widerstand, was in den dreijährigen Bürger-krieg mündete. In den Reihen von Tausenden Partisanen stand auch Theodorakis.
Nach seiner Verhaftung wurde er als kommunistischer Regimegegner 1947 nach Ikaria, dann 1949 auf die berüchtigte Deportationsinsel Makronissos verbannt. Die ständigen Misshandlungen mit schrecklichen Folterungen brachten ihn dem Tode nahe. Er wurde schliesslich ins Militärhospital nach Athen überführt (die Machthaber legten Wert darauf, dass bei den Häftlingen als Sterbeort möglichst nicht Makronissos genannt werden musste). Bis heute zeugt die Behinderung beim Gehen wegen eines geschundenen Beines von den erlittenen Torturen. Immer noch schwer angeschlagen musste er nach Makronissos zurückkehren, wo er physisch und psychisch zusammenbrach. Seinem Vater gelang es schliesslich, ihn aufs Festland zurückzuholen. 1950 wurde er als Invalider aus der Haft entlassen, aber weiter drangsaliert.
Auch im Untergrund und in den Lagern komponierte er, soweit es die Umstände zuliessen, sinfonische Musik. Nach Ende des Bürgerkriegs setzte er sein Studium am Konservatorium Athen fort. Schon bald wurde er aber zum Militärdienst auf dem Festland aufgeboten und dort als ehemaliger politischer Häftling monatelang gnadenlos schikaniert. Dank mutiger Intervention des Vaters konnte er den Dienst auf der Heimatinsel Kreta abschliessen. Ab 1952 verdiente er sein Brot in Athen als Musikkritiker für Zeitungen. 1953 heirateten Mikis und Myrto und zogen bald darauf nach Paris um, wo er dank eines französischen Stipendiums ein Zusatzstudium absolvieren konnte. Mit seinen musikalischen Werken, damals alle sinfonischer Art, war er sehr erfolgreich. Er begründete in dieser Zeit seinen internationalen Ruf. In Paris kamen auch seine beiden Kinder, Margarita und Giorgos zur Welt. 1960 kehrte die Familie nach Griechenland zurück.
Jetzt folgte das Jahrzehnt, in dem Theodorakis die meisten Werke komponiert hat, für die er heute weltweit bekannt ist. Er wurde zum erfolgreichsten griechischen Komponisten. In Athen und auf Tourneen im ganzen Land machte er seine Musik einem breiten Publikum bekannt.
1960 veröffentlichte er seinen berühmten Liederzyklus Epitaphios. Der Zyklus basiert auf einem Text des Dichters Giannis Ritsos. Es ist ein Klagegesang für einen jungen Mann, der 1936 bei einer Demonstration streikender Tabakarbeiter in Thessaloniki von der Polizei im Dienste des Diktators Metaxas umgebracht wurde. Als Instrument kam erstmals für so an-spruchsvolle Lieder die Bouzouki zum Einsatz. Damit verhalf Theodorakis diesem Instrument zum Durchbruch in allen Gesellschafts-schichten. Die Urversion des Zyklus wurde von Grigoris Bithikotsis, einem guten Freund von Theodorakis gesungen. Lieder daraus: „Isoun kalos ke isoun glikos / Du warst gut“ und „Sto parathiri / Du standest am Fenster“.
Er komponierte den Gesang zum Theaterstück „Enas Omiros / Die Geisel“ von Brendan Behan, das gegen die Machenschaften der Engländer auf Zypern gerichtet ist. Ein Lied daraus: „To gelasto paidi / Der Junge mit dem Lächeln“, später Leitmotiv im Film Z. In dieser Zeit entstand auch die Ballade „To tragoudi tou nekrou adelfou / Lied vom toten Bruder“, welche den Bürgerkrieg zum Thema hat. Ein Lied daraus: „Aprili mou / April“.
Weitere Werke aus diesen Jahren sind der Zyklus „Mikres Kyklades / Kleine Kykladen“ und das berühmte Oratorium „Axion Esti“, beide mit Texten von Odysseas Elytis. Lieder daraus: „Tou mikrou voria / Der kleine Nordwind“ bzw. „Tis agapis aimata / Der Blutstrom der Liebe“ und „Ena to chelidoni / Einzig ist die Schwalbe“. Dann komponierte er die Musik zur Mauthausen-Ballade des Dichters Jacovos Kampanellis, welche die Vernichtung der Juden thematisiert. Mit diesem Werk ist der Aufstieg von Maria Farantouri zur berühmten Sängerin verbunden. Zentrale Produktionen aus diesen Jahren sind auch die Liederzyklen „Epiphania“ mit Texten von Georgios Seferis und „Romiossini“ mit Texten von Ritsos.
Ferner schuf er die Filmmusik zu Phaedra (mit Melina Merkouri) und komponierte die Musik zum Film „Alexis Zorbas“.
Anfangs der Sechzigerjahre gründete er zusammen mit Grigoris Lambrakis die EDA (Vereinigte Linke). Nach der Ermordung von Lambrakis 1963 im Auftrag rechtsgerichteter Kreise gründete Theodorakis die Lambrakis-Jugendbewegung, die rasch zur grössten politischen Organisation des Landes wurde. Als Vertreter der EDA wurde er Parlaments-abgeordneter. Im Film „Z“ (Regie: Costa Gavras, Filmmusik: Theodorakis) wird der Tod von Lambrakis beleuchtet. Nach dem Militärputsch 1967 war Theodorakis aufgrund seiner bedeutenden Position in der Politik und seines moralischen Einflusses auf das griechische Volk für die Obristen einer der am meisten gesuchten Staatsfeinde. Er konnte untertauchen, wurde aber nach vier Monaten verhaftet. Zwischen 1967 und 1970 war er in Gefangenschaft: im Gefängnis an der Bouboulinastrasse in Athen, abgeschnitten von der Aussenwelt im Hausarrest im Bergdorf Zatouna (Peloponnes) und im Konzentrations-lager Oropos (Attika). Bei Strafe war es während der Diktatur verboten, seine Lieder zu hören.
In dieser Zeit komponierte er die „Dodeka laika tragoudia / 12 Volkslieder“ mit Texten von Manos Eleftheriou. Ein Lied daraus: “To treno fevgi stis ochto / Der Zug fährt um acht“ und es entstand der Zyklus „Ta tragoudia tou Andrea / Lieder für Andreas“, welche seinem Freund und Leidensgenossen Andreas Lentakis, Schrift-steller, Philosoph und Politiker der Linken, gewidmet ist.
1970 wurde Theodorakis, nach erneutem Ausbruch der Tuberkulose, auf massiven inter-nationalen Druck ins Exil nach Frankreich entlassen. Im gleichen Jahr glückte die Flucht seiner Familie aus Griechenland. Auch im Ausland blieb Mikis ein unermüdlicher Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit. Er gründete die „Patriotische Front“, die zum Ziel hatte, die Junta in Athen zu stürzen. Im Exil war Theodorakis auch künstlerisch intensiv tätig. Er unternahm mehrere Konzertreisen in die ganze Welt. 1972 entstand der Liederzyklus „18 lianotragouda tis pikris patridas / 18 kleine Lieder für die bittere Heimat“ mit Texten von Ritsos. Lieder daraus: „To kyklamino / Die Zyklamen“ und „Ti Romiosini min tin kles / Beweine nicht das Griechentum“. In Chile besuchte er seinen Freund Pablo Neruda und holte sich dort vertiefte Impulse für sein mächtiges Oratorium „Canto General“ nach Worten von Neruda. Das Werk ist geprägt vom Zusammenspiel griechischer und süd-amerikanischer Instrumente.
Nach dem Sturz der Junta kehrten die Exilanten, unter ihnen Mikis Theodorakis, nach Griechenland zurück. Auf ihn wartete ein triumphaler Empfang. Legendär ist das Konzert im Karaiskakis-Stadion in Piräus im November 1974. In den Achtzigerjahren war er intensiv politisch tätig. 1981 und 1985 wurde er als unabhängiger Abgeordneter für die Kommunistische Partei ins Parlament gewählt. 1989-1992 unterstützte er sogar als Linker die Zusammenarbeit mit den Konservativen, um dem Land aus einer verfahrenen, für die Demokratie gefährlichen politischen Situation zu verhelfen.
In den letzten 30 Jahren hat sich Theodorakis vornehmlich mit klassischer Musik befasst. Er komponierte diverse sinfonische Werke, Kammermusik, Bühnenmusik, Liederzyklen, Opern. Für sein Schaffen hat er viele Preise bekommen, Ehrendoktorwürden und andere Ehrungen und Auszeichnungen. Sein Werk umfasst rund 1000 Lieder und 150 grössere Werke. Künstlerisch ist vielleicht sein grösstes Verdienst, dass er es wagte und auch fähig dazu war, die anspruchsvollen Werke der griechischen Dichtung mit wunderschöner populärer Musik zu verbinden, sodass diese tiefsinnige, zum guten Teil politische Lyrik einem breiten Publikum bekannt und von diesem im Herzen akzeptiert wurde.
Text: Gaston Oberson