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Granatäpfel – Lebendige Antike

Beckmann-Granate-01Granatäpfel sind erstaunliche Pflanzen (die übrigens nicht ursprünglich in Kreta oder auch Griechenland zuhause sind - ihr kultischer Gebrauch geht weit in die Anfänge der mesopotamischen Geschichte zurück). Sie blühen am Ende des Frühlings mit einer leidenschaftlichen Fülle von Blüten und Blättern (vorausgesetzt es gibt nur ein wenig Wasser), während die meisten anderen frischen Pflanzen in der Hitze der Mittelmeersonne verdorren, die jeden Tag höher in den Himmel hinaufsteigt, der Sommersonnenwende zu. Leuchtend orangene Blüten mit fünf bis acht Blütenblättern öffnen sich aus einem fleischigen, kugeligen Untergrund, der schon jetzt die Form der späteren Frucht hat. In Gruppen oder einzeln sind sie zwischen den Blättern verteilt, Blätter die in beinah beunruhigender Weise unterschiedlich groß und unterschiedlich angeordnet sind. Öfters scheint sich die Dreizahl aus dem Grün abzuheben, nur um von wilden Gruppen von großer Vielzahl daneben überdeckt zu werden.

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Während der Sommer seine volle, trockene Hitze entwickelt, können sich die kleinen, immer runder werdenden Früchte doch noch nicht von den leuchtend orangenen, wenn auch verwelkten Resten ihrer Blüte trennen, scheinbar als würden sie versuchen, gleichzeitig zu blühen und zu fruchten. Wenn (falls sie es überhaupt tut) die trockene Blüte schließlich abfällt, wird die Frucht schon rot und sieht reif und eßbar aus (obwohl man nicht vor September die ersten Kostproben machen sollte).
Wenn die Früchte eßreif werden - im Oktober - braucht es kaum Mühe, sie zu öffnen: nur ein leichter Einschnitt mit dem Messer und die braunrote Schale bricht an dieser Linie auf und enthüllt das leuchtendrote, saftige Innere der Frucht. Saftig heißt hier: die ganze Frucht ist bis zum Platzen mit kleinen, durchsichtigen, saftgefüllten, granatroten Beeren gefüllt, die etwas ähnlich wie Waben in einem Bienenstock angeordnet sind. Jede schmiegt sich eng an die andere, es bleibt keinerlei freier Platz dazwischen. Der Saft ist seit der Antike wegen seiner besonders durstlöschenden Eigenschaften verwendet worden, seine leuchtende, orangerote Färbung verleiht ihm noch mehr Lebenskraft. Wenn Granatäpfel sorgfältig geerntet werden, halten sie sich ohne weiteres bis zum nächsten Jahr dank ihrer ledrigen, harten Schale, die das feuchte Innere schützt.
Wenn man dann im Dezember oder später einen unverletzten Granatapfel essen will, ist die äußere Schale steinhart geworden, und selbst mit einem scharfen Messer ist es schwer, die Kruste aufzuschneiden, in die sich die Schale verwandelt hat. Wenn es einem gelingt, die Frucht zu öffnen, erinnert man sich an die Erfahrung vom Herbst - die Kernbeeren sind immer noch köstlich frisch, und spätestens am nächsten Tag weiß man es wieder: die Schale eines Granatapfels enthält so viel Gerbsäure (der wesentliche Bestandteil der meisten Substanzen, die zum Ledergerben verwendet werden), daß sie sogar lebendige Haut und nicht nur Leder austrocknet und dunkle Flecken darauf hinterläßt, als wollte sie sie für die Ewigkeit haltbar machen. Darum wurde Granatapfelschale auch tatsächlich verwendet, um frische Tierhäute zu Leder zu gerben, denn in diesem Zustand verrotten sie nicht, sind aber dennoch weich und elastisch, wenn man sie anfaßt (in natürlichem Zustand verrotten Häute genau wie das Fleisch, das sie umgeben oder vertrocknen zu einer harten, unbiegsamen Substanz, aus der man keine Kleidung oder ähnliches machen kann). Gleichzeitig wird durch die Gerbsäure der Geschmack der Häute so bitter, daß kein Kleinlebewesen mehr Appetit hat, sie zu verzehren.

Während also das Innere der Frucht frischbleibt, selbst wenn der Baum schon längst die Blätter verloren hat (nach einer strahlend goldenen Phase im Spätherbst, die wirkt als wollten die Blätter das letzte Sonnenlicht noch bewahren), wird die Schale hart und dauerhaft und kann zum Ledergerben verwendet werden - vielleicht sogar, um Tote zu mumifizieren? - wobei die Häute weich aber doch unverweslich bleiben. Ebenso haltbar sind die Granatäpfel, denn die letzten Früchte können immer noch zum Essen bereit draußen an einem schattigen Platz hängen, wenn der Frühling kommt und nach dem Winterschlaf des Baums wieder Blüten und Blätter daran erscheinen.

Es hat den Anschein, als ob die Frucht, die der Unterwelts-Göttin Persephone heilig war (und die heutzutage noch Bestandteil des kolliba ist, jener traditionellen Mischung aus gekochtem Getreide, Honig und Granatapfel, gewürzt mit Minze, die in Griechenland nach Beerdigungen verteilt und gegessen wird) nicht erst seit der klassischen Antike eine solche Bedeutung hatte. Wenn wir uns das Fresko mit dem Blauen Vogel aus Knossos ansehen, jetzt, nachdem wir den Granatapfel etwas besser kennen, fällt uns auf, daß die von Archäologen als 'Rosen' bezeichneten Pflanzen am linken Rand vielleicht gar keine sind! Abgesehen von den - zugegebenermaßen durch das hohe Alter von 3600 Jahren etwas ausgeblichenen - orangefarbenen Blütenblättern von sechs an der Zahl (die Minoer wußten sicher, daß Rosen nur fünf haben), gibt es auch die typischen grünen, etwas länglich-runden Formen mit orangenen Spitzen, die Evans, der Ausgräber von Knossos, 'Rosenknospen' nannte und die doch so deutlich nach jungen Granatäpfeln mit ihren verwelkten Blüten am Zipfel aussehen. Selbst die Dreizahl der Blätter paßt eher zu Granatäpfeln als zu Rosen. Jetzt sehen wir ohne weiteres, daß das Fresko nicht eine hübsche Blume zeigt, sondern eine Pflanze, die seit Anbeginn der Zeit heilig war, so daß wir nun besser verstehen können, wie alt vielleicht der Brauch der kolliba- Bereitung ist: ein Relikt aus den Tiefen von Griechenlands vorgeschichtlicher Vergangenheit zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus. Selbst die vielleicht schon viertausendjährige Geschichte im Gebrauch des heiligen Granatapfels rechtfertigt es also durchaus, daß er noch heute auf der Schwelle eines neuvermählten Paares zerbrochen wird, bevor es sein Haus betritt, um ihm Fruchtbarkeit zu bescheren. Er ist wahrhaftig eine Frucht des ewigen Lebens.

Text und Bilder: Sabine Beckmann