Olivenernte auf der Insel Alonissos
- Autor
- Waltraud H. Alberti
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Es ist Anfang Dezember, und es ist Erntezeit: Die Oliven sind reif. Endlich ist es soweit. Lange haben alle darauf gewartet. Die Olivenbäume wurden gepflegt und gedüngt. Der Sommer war heiß und trocken. Ein ausgiebiger Regen im September und im Oktober, dann nochmals die wärmende Sonne. Jetzt hängen die Bäume voll mit ihren Früchten. Die meisten haben sich in ihrem Reifungsprozess schon von grün bis aubergine-farben und ganz dunkel, gefärbt. Zwischendurch gab es ein Bangen, dass die Stürme nicht zu heftig wurden. Nur allzu leicht können die üppig behangenen und schweren Äste abbrechen. Aber die Bedingungen für eine gute Ernte waren hervorragend.
Es hatte in diesem Jahr alles gepasst. Und so freuen sich nun diejenigen auf das Ernten und auf das Öl, die Bäume haben,. Man sieht es jedem schon von weitem an. Es wird gewunken, gegrüßt und gelacht. Die Gesichter strahlen. Die Menschen hier auf Alonissos haben und hatten vor allem noch nie ein einfaches Leben. Umso deutlicher zeichnen sich dann Freude und Dankbarkeit auf ihren von Arbeit und Entbehrungen geprägten Gesichtszügen ab. Überall ist nun zu spüren, dass es eine außergewöhnlich reiche Ernte geben wird. Die Arbeit in den Olivenhainen hat sich gelohnt!
Alonissos ist übrigens eine kleine, recht unbekannte griechische Insel in der nördlichen Ägäis.
Sie ist meinem Mann und mir zur zweiten Heimat geworden. Seit zwölf Jahren leben wir überwiegend hier, mit Hund und Hühnern, einem großen Garten und ……Olivenbäumen.
Jedes Jahr aufs Neue um diese Zeit, Ende November, Anfang Dezember erinnere ich mich an unsere allererste Ernte auf der Insel vor mehreren Jahren. Mein Mann Martin hat schon oft bei seinen Athener Freunden mitgeholfen und dabei viel erfahren und gelernt. Für mich aber war alles völlig neu. Es hat mich so beeindruckt, dass ich davon erzählen möchte.
Die Tage sind kurz zu dieser Jahreszeit, die Nächte lang. Es bleibt also nicht viel Zeit für die Arbeit. So heißt es aufstehen in der Morgendämmerung, um den Tag voll zu nutzen. Ein Esslöffel gutes, reines Olivenöl vor dem Frühstück, mit einem Glas Zitronenwasser nachgetrunken, verschafft uns Kraft, auch wenn ich mich beim ersten Mal überwinden musste.
Alles, was wir brauchen, haben wir schon am Abend zuvor vorbereitet: große Körbe und Säcke, kleine Plastikrechen und lange Bambusstangen, Planen zum Auslegen.
Dann geht es los! Wir ernten mit Janni und Maria zusammen. Sie helfen uns, wir helfen bei ihren Bäumen.
Die großen Planen breiten wir unter dem Olivenbaum aus, den wir zuerst abernten möchten. Es ist der größte und älteste unserer Bäume, der auch am meisten trägt. Wir beiden Frauen pflücken die schönsten Oliven, die wir erreichen können, mit der Hand. Sie werden eingelegt, so dass man sie essen kann. Das ist eine aufwendige Prozedur, denn Oliven sind von Natur aus bitter. Aber dazu ein andermal. Unsere Männer arbeiten mit den Bambusstöcken, die etwa 3 Meter lang sein müssen, um auch die Oliven zu erreichen, die ganz oben hängen. Sie schlagen dabei an die Äste, sodass die Früchte abfallen. Es ist ein Klopfen und Rütteln und Schütteln. Immer mit Vorsicht, dass Oliven dabei nicht verletzt werden. Das schadet der Qualität des Öles. Grundsätzlich gilt: je dunkler die Olive, desto reifer und weniger bitter ist sie, desto mehr Öl hat sie, aber auch umso empfindlicher ist sie. Wenn Maria und ich mit dem Pflücken fertig sind, fahren wir mit dem Plastikrechen durch die unteren Zweige und streifen auf diese Weise den Rest ab. Aber das mache ich gar nicht gerne, denn dabei werden viele Blätter und junge Triebe abgerissen, auch wenn man noch so behutsam vorgeht.
Wir haben solch ein Glück mit dem Wetter. Es ist mild und die Sonne scheint. Kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen.
Wenn der Baum abgeerntet ist, kehrt Ruhe ein. Wir sitzen in seinem Schatten auf der Plane und sortieren Oliven und Blätter aus. Nur einwandfreie Oliven kommen in die Körbe oder in die luftdurchlässigen Säcke, die dann zur Ölmühle gebracht werden. Die von Insekten angestochenen oder verletzten Früchte sind für den Kompost. Maria erzählt von ihren Kindern und Enkelkindern. In ihrer Stimme schwingt Liebe und Stolz. Leider können sie nicht mit bei der Ernte dabei sein. Sie leben am Festland und es sind ja keine Ferien.
Wenn sie schweigt, ist nichts zu hören außer dem Wind, der durch die silbergrauen Blätter des Ölbaums streicht. Es ist so eine gegensätzliche Arbeit! Vorhin die beständige Bewegung, das Strecken des Körpers, die Arme nach oben, den Kopf im Nacken, das andauernde laut wirkende Geräusch der Bambusstäbe. Und nun, welch eine Stille, welch ein Frieden. Fast eine meditative Stimmung! Die Gedanken schweifen zurück. Der Sommer ist vergangen. Der Herbst ist vorbei. Hebe ich den Kopf, sehe ich das blaue Meer vor mir liegen. Was wird der Winter bringen? Das nächste Jahr?
Sind alle Oliven aufgelesen, gehen wir zum nächsten Baum. Insgesamt sind es etwa 30 tragende Ölbäume. Irgendwann eine Pause. So geht es bis zur Abenddämmerung. Dann fallen wir müde, aber zufrieden ins Bett.
Die Ernte muss zügig vorangehen, die Oliven dürfen nicht länger als 2-3 Tage in den Säcken aufbewahrt werden. Übermorgen haben wir einen Termin bei der Ölmühle. Ein großer Tag, denn die Frage ist ja immer, wie viel Liter Öl werden die Oliven hergeben.
Auf jeden Fall werden Janni und Maria ihr frisches Öl bis zum 6. Dezember haben. Janni, der sein Leben lang Seemann und Fischer war, wird dann ein paar Tropfen von dem neuen, jungfräulichen Öl ins Meer träufeln. Dies geschieht in Gedenken an Agios Nikolaos, dem heiligen Nikolaus. Seit uralten Zeiten gilt er als Schutzpatron der Seefahrer. Auf dass er Janni und seine Familie vor stürmischer See bewahren möge! So ist es noch heute Brauch auf mancher Insel in Griechenland.
Text und Bilder, Waltraud H. Alberti











